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Hermann Hesse
Ralph Ueltzhoeffer- Textportrait - Hermann Hesse (Hermann Karl Hesse; Pseudonym: Emil Sinclair; * 2. Juli 1877 in Calw; † 9. August 1962 in Montagnola, Schweiz) war ein deutsch-schweizerischer Dichter, Schriftsteller und Freizeitmaler. Seine bekanntesten Werke sind Der Steppenwolf, Siddhartha, Peter Camenzind, Demian, Narziß und Goldmund und Das Glasperlenspiel, welche die Suche des Individuums nach Spiritualität außerhalb der Gesellschaft zum Inhalt haben. Ihm wurden unter anderem 1946 der Nobelpreis für Literatur und 1955 die Friedensklasse des Ordens „Pour le Mérite” verliehen. Leben [Bearbeiten] Kindheit und Jugend (1877–1895) [Bearbeiten] Calw mit der Nikolausbrücke und Nikolauskapelle über der Nagold (Aufnahme 2003). Erlebnisse und Begebenheiten aus seiner Kindheit und Jugend in seiner Geburtsstadt, die Atmosphäre und Abenteuer am Fluss, die Brücke, die Kapelle, die eng aneinander liegenden Häuser, versteckte Winkel und Ecken sowie die Bewohner mit ihren bewundenswerten Eigenschaften, aber auch Eigenarten oder Schrulligkeiten hat Hesse unzählige Male in seinen frühen Gerbersau-Erzählungen[2] beschrieben und zum Leben erweckt. In Hesses Jugendzeit wurde diese Atmosphäre u.a. noch stark von der alteingesessenen Zunft der Gerber geprägt [3]. Auf dieser Brücke, seinem Lieblingsort in Calw, hat Hesse sich oft und gern aufgehalten. Daher ist auch dort die unten abgebildete, von Tassotti geschaffene, lebensgroße Hesse-Skulpur im Jahr 2002 aufgestellt worden [4]. Hesses Geburtshaus am zentralen Marktplatz von Calw, Aufnahme von 2008. Das Geburtszimmer liegt hinter den ersten zwei links liegenden Fenstern im 2.Obergeschoss (obere Fünf-Fenster-Reihe) [5] Elternhaus [Bearbeiten]Hermann Hesse wurde am 2. Juli 1877 in Calw (Württemberg) im Nordschwarzwald geboren. Er stammte aus einer christlichen Missionarsfamilie und wuchs in einer behüteten und intellektuellen Familienatmosphäre auf. Beide Eltern waren im Auftrag der Basler Mission in Indien tätig, wo Hesses Mutter Marie Gundert (1842–1902) auch geboren worden war. Sein Vater Johannes Hesse (1847–1916) als Sohn eines baltischen Arztes stammte aus Weißenstein/Paide in Estland. In Calw war Johannes Hesse seit 1873 Mitarbeiter des „Calwer Verlagsvereins“. Dessen Vorstand war sein Schwiegervater Hermann Gundert (1814–1892), dem er in den Jahren 1893 bis 1905 als Vorstand und Verlagsleiter nachfolgte. Hermann Hesse hatte fünf Geschwister, von denen zwei sehr früh verstarben. Hesse war ein sehr fantasievolles Kind, reich an unterschiedlichsten Gefühlen, und hatte ein ausdrucksstarkes Temperament. Schon früh machte sich sein Talent bemerkbar. Ihm mangelte es nicht an Gedicht-Ideen, er zeichnete wunderbare Bilder und es schien, als ob seine Eltern fast zu schwach für ihn waren. So schrieb seine Mutter am 2. August 1881 in einem Brief an seinen Vater Johannes Hesse: „...der Bursche hat ein Leben, eine Riesenstärke, einen mächtigen Willen und wirklich auch eine Art ganz erstaunlichen Verstand für seine vier Jahre. Wo will's hinaus? Es zehrt mir ordentlich am Leben dieses innere Kämpfen gegen seinen hohen Tyrannengeist, sein leidenschaftliches Stürmen und Drängen... Gott muß diesen stolzen Sinn in Arbeit nehmen, dann wird etwas Edles und Prächtiges draus, aber ich schaudere bei dem Gedanken, was bei falscher oder schwacher Erziehung aus diesem jungen passionierten Menschen werden könnte“. Die Welt, in der Hermann Hesse seine ersten Lebensjahre verbrachte, war einerseits vom Geiste des schwäbischen Pietismus geprägt. Andererseits wurde seine Kindheit und Jugend durch das Baltentum seines Vaters geprägt, was Hermann Hesse als „eine wichtige und wirksame Tatsache“ bezeichnete. So war der Vater sowohl in Schwaben wie in der Schweiz ein unangepasster Fremder, der hier nie Wurzeln schlug und „immer wie ein sehr höflicher, sehr fremder und einsamer, wenig verstandener Gast“ wirkte. Hinzu kam, dass die Familie auch mütterlicherseits der weitgehend internationalen Gemeinschaft der Missionsleute angehörte und dass seine aus dieser Linie stammende Großmutter Julie Gundert, geb. Dubois (1809–1885), als französischsprachige Schweizerin ebenfalls zeitlebens eine Fremde in der schwäbisch-kleinbürgerlichen Welt blieb. Ein mehr von innen her wirkendes Gegengewicht zum Pietismus war die immer wieder in den Erzählungen des Vaters Johannes Hesse mit unendlich viel Herzblut aufleuchtende Welt Estlands. „Eine überaus heitere, bei aller Christlichkeit sehr lebensfrohe Welt (...) nichts wünschten wir sehnlicher, als auch einmal dieses Estland (...) zu sehen, wo das Leben so paradiesisch, so bunt und lustig war.“ Zudem stand Hermann Hesse die umfassende Bibliothek seines promovierten und eine Vielzahl von Sprachen beherrschenden Großvaters Hermann Gundert mit Werken der Weltliteratur zur Verfügung, die er sich intensiv erschloss. All diese Komponenten eines Weltbürgertums „waren die Grundlagen für eine Isolierung und für ein Gefeitsein gegen jeden Nationalismus, die in meinem Leben bestimmend gewesen sind.“ Schulische Ausbildung (1885–1894) [Bearbeiten] Teil des Klosterhofes Maulbronn (Aufnahme 2003)1881 zog die Familie für fünf Jahre nach Basel, wo Hesse Schüler in der Internatsschule der Mission war. Die Familie zog dann aber im Juli 1886 wieder nach Calw zurück, wo Hesse zunächst in die zweite Klasse der Calwer Lateinschule eintrat. Nach dem erfolgreichen Besuch der Lateinschule in Göppingen kam Hesse 1891 in das evangelisch-theologische Seminar in Maulbronn. Als staatlicher Schüler musste Hesse auf sein Schweizer Bürgerrecht verzichten; deshalb erwarb ihm der Vater im November 1890 die württembergische Staatsangehörigkeit (als einzigem Mitglied der Familie). Hier zeigte sich im März 1892 sein rebellischer Charakter: Hesse flüchtete aus dem Seminar und wurde erst einen Tag später auf freiem Feld aufgegriffen. Nun begann, begleitet von heftigen Konflikten mit den Eltern, eine Odyssee durch verschiedene Anstalten und Schulen. Hermann Hesse befand sich in einer depressiven Phase und äußerte in einem Brief vom 20. März 1892 Suizidgedanken („Ich möchte hingehen wie das Abendrot“). Im Mai 1892 kam es in der von dem Theologen und Seelsorger Christoph Friedrich Blumhardt geleiteten Anstalt Bad Boll zu einem Suizidversuch. Im Anschluss daran wurde Hesse als fünfzehnjähriger Jugendlicher, bedingt durch sein Verhalten, von seinen Eltern in die Nervenheilanstalt in Stetten im Remstal bei Stuttgart verbracht, wo er im Garten arbeiten und beim Unterricht geistig behinderter Kinder helfen musste. Hier kulminierte pubertärer Trotz, Einsamkeit und das Gefühl, von seiner Familie unverstanden verstoßen zu sein, in dem berühmt-anklagenden Brief vom 14. September 1892 an seinen Vater, in dem er ihn im Gegensatz zu früheren, zum Teil offenen, sehr mitteilsamen Briefen - nunmehr deutlichen Abstand haltend - mit „Sehr geehrter Herr!“ titulierte, den Brieftext mit aggressiv-ironisierenden und sarkastischen Formulierungen versah, (zusätzlich zur eigenen Person) auch seinem Vater bereits im Vorfeld die Schuld an möglichen zukünftigen „Verbrechen“ zuwies, die er, Hermann, in Folge seines Aufenthaltes in Stetten als „Welthasser“ begehen könnte und unterzeichnete als „H.Hesse, Gefangener im Zuchthaus zu Stetten“. Im Nachsatz fügte er hinzu: „Ich beginne mir Gedanken zu machen, wer in dieser Affäre schwachsinnig ist.“ [6] . Er fühlte sich von Gott, den Eltern und der Welt verlassen und sah hinter den starren pietistisch-religiösen Traditionen der Familie nur noch Scheinheiligkeit. Ab Ende 1892 besuchte er das Gymnasium in Cannstatt. 1893 bestand er zwar dort das Einjährigen-Examen, brach aber dennoch die Schule ab. Lehre (1894–1895) [Bearbeiten]Nachdem er seiner ersten Buchhändlerlehre in Esslingen am Neckar nach drei Tagen entlaufen war, begann Hesse im Frühsommer 1894 eine 14 Monate dauernde Mechanikerlehre in der Turmuhrenfabrik Perrot in Calw. Die monotone Arbeit des Lötens und Feilens bestärkte in Hermann Hesse alsbald den Wunsch, sich wieder der Literatur und geistiger Auseinandersetzung zuzuwenden. Im Oktober 1895 war er bereit, eine neue Buchhändlerlehre in Tübingen zu beginnen und ernsthaft zu betreiben. Diese Erfahrungen seiner Jugend hat er später in seinem Roman Unterm Rad verarbeitet. Der Weg zum Schriftsteller (1895–1904) [Bearbeiten]Bereits als 10-jähriger hatte sich Hesse mit einem Märchen versucht: Die beiden Brüder. Es wurde 1951 publiziert. Tübingen (1895–1899) [Bearbeiten] Buchhandlung Heckenhauer in Tübingen – Hesses Arbeitsplatz 1895–99. Hesse war dort als Lehrling drei Jahre, anschließend noch ein Jahr Sortimentsgehilfe.Hesse arbeitete ab dem 17. Oktober 1895 in der Buchhandlung und dem Antiquariat Heckenhauer in Tübingen. Der Schwerpunkt des Sortiments bestand aus Theologie, Philologie und Rechtswissenschaften. Hesses Aufgaben als Lehrling umfassten das Überprüfen (Kollationieren), Verpacken, Sortieren und Archivieren der Bücher. Nach Ende der jeweils 12-stündigen Arbeitstage bildete Hesse sich noch privat weiter, und Bücher kompensierten auch mangelnde soziale Kontakte an den langen, arbeitsfreien Sonntagen. Neben z.T. theologischen Schriften las Hesse insbesondere Goethe, später Lessing, Schiller und Texte zur griechischen Mythologie. 1896 wurde sein Gedicht Madonna in einer in Wien erschienenen Zeitschrift gedruckt, in späteren Ausgaben des Deutschen Dichterheims (Organ für Dichtkunst und Kritik) folgten weitere. Nach Abschluss seiner Lehrzeit im Oktober 1898 blieb Hesse zunächst als Sortimentsgehilfe in der Buchhandlung Heckenhauer mit einem Einkommen, das ihm finanzielle Unabhängigkeit von den Eltern sicherte. Zu dieser Zeit las er insbesondere Werke der deutschen Romantik, allen voran Novalis, Clemens Brentano, Joseph Freiherr von Eichendorff und Tieck. In Briefen an die Eltern bekundete er seine Überzeugung, dass „die Moral für Künstler durch die Ästhetik ersetzt wird“. Noch als Buchhändler veröffentlichte Hesse im Herbst 1898 seinen ersten kleinen Gedichtband Romantische Lieder und im Sommer 1899 die Prosasammlung Eine Stunde hinter Mitternacht. Beide Werke wurden ein geschäftlicher Misserfolg. Von den Romantischen Liedern wurden innerhalb von zwei Jahren nur 54 Exemplare der Gesamtauflage von 600 Büchern verkauft, auch Eine Stunde hinter Mitternacht wurde nur in einer Auflage von 600 Exemplaren gedruckt und verkaufte sich nur schleppend. Der Leipziger Verleger Eugen Diederichs war jedoch von der literarischen Qualität der Werke überzeugt und sah die Veröffentlichung schon von Anbeginn mehr als Förderung des jungen Autors denn als lohnendes Geschäft. Basel (1899–1904) [Bearbeiten]Ab Herbst 1899 arbeitete Hesse in der Reich'schen Buchhandlung, einem angesehenen Antiquariat in Basel. Da seine Eltern engen Kontakt zu Basler Gelehrtenfamilien pflegten, öffnete sich ihm hier ein geistig-künstlerischer Kosmos mit den reichsten Anregungen. Gleichzeitig bot Basel dem Einzelgänger Hesse auch viel Rückzugsmöglichkeiten in sehr privates Erleben bei größeren Fahrten und Wanderungen, die der künstlerischen Selbsterforschung dienten und auf denen er die Fähigkeit, sinnliches Erleben schriftlich niederzulegen, stets erneut erprobte. Im Jahr 1900 wurde Hesse wegen seiner Sehschwäche vom Militärdienst befreit. Das Augenleiden hielt zeitlebens an, ebenso wie Nerven- und Kopfschmerzen. Im selben Jahr erschien Hermann Lauscher - zunächst pseudonym. Nachdem Hesse Ende Januar 1901 seine Stellung in der Buchhandlung R. Reich gekündigt hatte, konnte er sich einen großen Traum erfüllen und erstmals nach Italien reisen, wo er sich vom März bis Mai in den Städten Mailand, Genua, Florenz, Bologna, Ravenna, Padua und Venedig aufhielt. Im August desselben Jahr wechselte er zu einem neuen Arbeitgeber, dem Antiquar Wattenwyl in Basel. Zugleich boten sich ihm immer mehr Gelegenheiten, Gedichte und kleine literarische Texte in Zeitschriften zu veröffentlichen. Nun trugen auch Honorare aus diesen Veröffentlichungen zu seinem Einkommen bei. Richard Schaukal machte 1902 Hesse als Autor des „Lauscher“ publik. 1903 unternahm Hesse seine zweite Italienreise, zusammen mit Maria Bernoulli, seiner späteren ersten Frau, verschiedentlich auch Mia genannt. Alsbald wurde der Verleger Samuel Fischer auf Hesse aufmerksam, und der Roman Peter Camenzind, der erstmals 1903 als Vorabdruck und 1904 regulär bei Fischer erschien, bedeutete den Durchbruch: Von nun an konnte Hesse als freier Schriftsteller leben. Zwischen Bodensee, Indien und Bern (1904–1914) [Bearbeiten] Hermann Hesses Schreibtisch im Hermann-Hesse-Höri-Museum in Gaienhofen auf der Bodensee-Halbinsel Höri Hermann-Hesse-Statue des Bildhauers Friedhelm Zilly in GaienhofenDer literarische Ruhm ermöglichte es Hesse, 1904 die neun Jahre ältere Basler Fotografin Maria Bernoulli (1868–1963) zu heiraten und sich mit ihr in Gaienhofen am Bodensee niederzulassen. Seine Frau stammte aus der weitverzweigten Familie der Bernoulli. Aus dieser Ehe gingen die drei Söhne Bruno (1905–1999, Kunstmaler, Grafiker), Hans Heinrich (genannt: Heiner; 1909–2003, Dekorateur) und Martin (1911–1968, Fotograf) hervor. In Gaienhofen schrieb Hesse seinen zweiten Roman „Unterm Rad“, 1906 erschienen, in dem er seine Erfahrung aus Schule und Ausbildung einfließen ließ und literarisch verarbeitete. 1907 schloss er sich dem wandernden Dichter und Naturpropheten Gusto Gräser an, zog in dessen Grotte „in den Felsen“ bei Ascona, die ihm zu seinem „heiligen Land“ wurden (vgl. Monte Verità). Hier wurzeln seine „Legenden aus der Thebais“. Das Jüngerschaftserlebnis bei einem Einsiedler in der Wildnis blieb ein wiederkehrendes Motiv seiner Dichtung bis hin zu den Lebensläufen des „Glasperlenspiels“. Gräser öffnete ihm auch den Zugang zur geistigen Welt des Ostens. Nach seiner Rückkehr ins bürgerliche Leben verfasste er vor allem Erzählungen und Gedichte. Sein nächster Roman „Gertrud“ von 1910 zeigte Hesse allerdings in einer Schaffenskrise – er hatte schwer mit diesem Werk zu kämpfen, in späteren Jahren hat er es als misslungen betrachtet. Auch in seiner Ehe vermehrten sich nun die Dissonanzen, und um Abstand zu gewinnen, brach Hesse mit Hans Sturzenegger 1911 zu einer großen Reise nach Ceylon und Indonesien auf. Die erhoffte spirituell-religiöse Inspiration fand er dort nicht, dennoch beeinflusste die Reise sein weiteres literarisches Werk stark und schlug sich 1913 zunächst in der Veröffentlichung „Aus Indien“ nieder. Nach Hesses Rückkehr aus Asien zog die Familie 1912 nach Bern um, doch auch dieser Ortswechsel konnte die Eheprobleme nicht auflösen, wie Hesse 1914 in seinem Roman „Roßhalde“ schilderte. Umbruch durch Ersten Weltkrieg (1914–1919) [Bearbeiten] Kriegsgefangenenfürsorge (ab 1914) [Bearbeiten]Beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 meldete Hesse sich als Freiwilliger bei der deutschen Botschaft, da er nicht ertragen konnte, tatenlos am warmen Kamin zu sitzen, während andere junge Schriftsteller an der Front starben. Er wurde jedoch für untauglich befunden und der deutschen Botschaft für den Dienst bei der deutschen Kriegsgefangenenfürsorge in Bern zugewiesen. In diesem Rahmen war Hesse fortan damit beschäftigt, für deutsche Kriegsgefangene Bücher zu sammeln und zu verschicken. In dieser Zeit war er Mitherausgeber der „Deutschen Interniertenzeitung“ (1916/17), Herausgeber des „Sonntagsboten für die deutschen Kriegsgefangenen“ (1916–1919) und zuständig für die „Bücherei für deutsche Kriegsgefangene“. Eigene Veröffentlichungen und politische Auseinandersetzungen (1914–1919) [Bearbeiten]Am 3. November 1914 veröffentlichte er in der „Neuen Zürcher Zeitung“ den Aufsatz „O Freunde, nicht diese Töne“, in dem er an die deutschen Intellektuellen appellierte, nicht in nationalistische Polemik zu verfallen. Was darauf folgte, bezeichnete Hesse später als eine große Wende in seinem Leben: Erstmals fand er sich inmitten einer heftigen politischen Auseinandersetzung wieder, die deutsche Presse attackierte ihn, Hassbriefe gingen bei ihm ein und alte Freunde sagten sich von ihm los. Zustimmung erhielt er weiterhin von seinem Freund Theodor Heuss, dem späteren ersten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland, aber auch von dem französischen Schriftsteller Romain Rolland, der Hesse im August 1915 besuchte. Familiäre Schicksalsschläge (1916) [Bearbeiten]Diese Konflikte mit der deutschen Öffentlichkeit waren noch nicht abgeklungen, als Hesse durch eine Folge von Schicksalsschlägen wie dem Tod seines Vaters am 8. März 1916, die schwere Erkrankung (Gehirnhautentzündung) seines zu jener Zeit dreijährigen Sohnes Martin und die ausbrechende Schizophrenie seiner Ehefrau in eine noch tiefere Lebenskrise gestürzt wurde. Er musste seinen Dienst bei der Gefangenenfürsorge unterbrechen und sich in psychotherapeutische Behandlung begeben. [7] Kriegsgegner und Aussteiger (1916–1919) [Bearbeiten]Politisch und seelisch vereinsamt, fand er nun zu seinem alten Freund und Meister Gusto Gräser zurück, der den Kriegsdienst verweigert hatte und nur mit knapper Not seiner Erschießung entgangen war. In ihm und in dessen Gefährtin Frau Elisabeth fand er die Stärkung und Neuorientierung, die er suchte. Hesse erlebte die große Wandlung seines Lebens. Aus dem einstigen Kriegsfreiwilligen wurde nun ein entschiedener Kriegsgegner und Befürworter der Verweigerung. In der Gemeinschaft mit den Gräsers fühlte er sich aufgenommen in den Bund der „Gezeichneten“, in den Bund der Aussteiger vom Monte Verità. Die intensive Beschäftigung mit der prophetischen Gestalt Gusto Gräser verarbeitete er in seiner Analyse und in seiner Dichtung: Im September/Oktober 1917 verfasste Hesse in einem dreiwöchigen Arbeitsrausch seinen Roman „Demian“, in dem er seinem Freund ein Denkmal setzt. Das Buch wurde nach Kriegsende 1919 unter dem Pseudonym Emil Sinclair veröffentlicht, angeblich „um die Jugend nicht durch den bekannten Namen eines alten Onkels abzuschrecken“. Näher liegt die Annahme, dass er seine Beziehung zu dem oft als „Naturapostel“ verspotteten Gusto Gräser nicht öffentlich machen wollte. Als Zeitzeuge äußerte sich Thomas Mann: „Unvergesslich ist die elektrisierende Wirkung“ des Demian, „eine Dichtung die mit unheimlicher Genauigkeit den Nerv der Zeit traf und eine Jugend, die wähnte, aus ihrer Mitte sei ihr ein Künder ihres tiefsten Lebens entstanden (während es schon ein Zweiundvierziger war, der ihnen gab, was sie brauchte), zu dankbarem Entzücken hinriß.“ Neue Heimat im Tessin (1919–1962) [Bearbeiten] Montagnola und Lugano vom Monte Brè aus in südwestlicher Richtung gesehen. Das Dorf Montagnola, das Hesse über vierzig Jahre seines Lebens zur Heimstatt werden sollte und in dessen Atmosphäre viele seiner Romane und Erzählungen entstanden sind, liegt links von der Bildmitte zwischen dem links steil aus dem Luganersee emporragenden Monte San Salvatore und dem in der Bildmitte erkennbaren kleineren See Lago di Muzzano auf dem sich dazwischen erstreckenden, flacheren, grün bewaldeten Höhenzug, der Collina d'Oro (Goldhügel), oberhalb Luganos. Hesse hatte von beiden Domizilen, die er in Montagnola bewohnte (Casa Camuzzi und Casa Rossa), einen weit ausgreifenden Blick über die Stadt Lugano und den See bis herüber zum Monte Brè, von dem aus diese Panoramaaufnahme entstanden ist. Buddha Shakyamuni Kopf einer Buddhastatue am Niederrhein. Hesse gab der Hauptfigur seiner „indischen Dichtung“ denselben Vornamen des historischen Buddhas Siddhartha Gautama. Einen Buddha zu schaffen, der den allgemein anerkannten Buddha übertrifft, das ist eine unerhörte Tat, gerade für einen Deutschen. Henry Miller über Hesses Siddhartha [8] Hermann Hesse (1925) Casa Camuzzi (1919–1931) [Bearbeiten]Als Hesse 1919 sein ziviles Leben wieder aufnehmen konnte, war seine Ehe zerrüttet. Bei seiner Frau Mia (Maria) war zwischenzeitlich eine schwere Psychose ausgebrochen, aber auch nach ihrer Heilung sah Hesse keine gemeinsame Zukunft mit ihr. Die Wohnung in Bern wurde aufgelöst und die drei Jungen zwischenzeitlich bei Freunden untergebracht, der älteste Sohn Bruno bei seinem Malerfreund Cuno Amiet. Die Erfahrung und bedrückende Last, seine Familie verlassen zu haben, verarbeitete Hesse in seiner 1919 erschienenen Erzählung Klein und Wagner über den Beamten Klein, der aus Furcht, wahnsinnig zu werden und ebenso wie der Lehrer Wagner seine Familie umzubringen, aus seinem bürgerlichen Leben ausbricht, und nach Italien flieht. Zugleich spiegelt er darin seine Trennung von Gusto Gräser, den Klein in einem Traum vom Steuer des Wagens stößt, um selbst Lenker seines Schicksals zu sein. Casa Camuzzi, Bleistiftzeichnung von Gunter Böhmer. Gartenseite. Rechts der Mitte ist der zentrale Bauteil mit dem Türmchen und der Wetterfahne zu erkennen. Wiederum rechts davon erstreckt sich der Trakt, in dem Hesse seine vier Zimmer bewohnte. Das vorderste öffnete sich zum Garten hin mit dem Balkon, der hier durch einen blühenden Baum verdeckt wird. Casa Camuzzi in Montagnola von Südosten mit Blick auf Hesses Wohnung und den Balkon des 'Malers Klingsor' aus Hesses Erzählung Klingsors letzter SommerHesse siedelte Mitte April 1919 allein ins Tessin um. Er bewohnte zunächst ein kleines Bauernhaus am Ortseingang von Minusio bei Locarno und zog dann am 25. April nach Sorengo oberhalb des Muzzaner Sees in eine einfache Unterkunft weiter, die ihm von seinem Musikerfreund Volkmar Andreä vermittelt worden war. Doch anschließend mietete er am 11. Mai 1919 in Montagnola, einem höher gelegenen Dorf südwestlich und nur unweit von Lugano, vier kleine Räume in einem schlossartigen Gebäude, der „Casa Camuzzi“, die sich im 18. Jahrhundert einer der Tessiner Baumeister in Gestalt eines neobarocken Palazzos errichtet hatte. Von dieser Hanglage aus („Klingsors Balkon“) und oberhalb des dichtbewachsenen Waldgrundstückes überblickte Hesse nach Osten den Luganersee mit den gegenüberliegenden Hängen und Bergen auf italienischer Seite. Die neue Lebenssituation und die Lage des Gebäudes inspirierten Hesse nicht nur zu neuer schriftstellerische Tätigkeit, sondern als Ausgleich und Ergänzung auch zu weiteren Zeichenskizzen und Aquarellen, was sich in seiner nächsten großen Erzählung „Klingsors letzter Sommer“ von 1920 deutlich niederschlug. 1922 erschien Hesses Indien-Roman „Siddhartha“. Hierin kam seine Liebe zur indischen Kultur und zu asiatischen Weisheitslehren zum Ausdruck, die er schon in seinem Elternhaus kennen gelernt hatte.

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RALPH UELTZHOEFFER

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