Milano Ovest - “anonym” / dpf /

Mit dem programmatischen Titel Anonym – In the Future No One Will Be Famous zeigt die Schirn Kunsthalle Frankfurt eine Ausstellung mit Werken von 11 internationalen Künstlerinnen und Künstlern, die wie die zuständige Kuratorin oder der zuständige Kurator ungenannt bleiben werden. Die Anonymität der Künstler setzt sich in unterschiedlichen Aspekten innerhalb der gezeigten Werke fort. Die Ausstellung wirft die Frage auf, was geschieht, wenn Kunstwerke die Autorschaft verweigern oder sich davon befreien. Die Urheber der Ausstellung behaupten: „Anonyme Künstler wollen den Status quo in einen Status incognitus umbiegen.
Ralph Ueltzhoeffer: TEXTPORTRAIT “ANONYMITY”
Raststätte Mailand Ovest: Die Autobahnraststätte als Dreh- und Angelpunkt der Begegnungen. Dicht gedrängt und von langer Fahrt übermüdet, mit dem Kaffee in der Hand in der Schlange vor den Toiletten wartend und mit panischem Blick. Keine Zeit für tiefere Gespräche, ein antrainiertes kurzes Danke - nur für manchen - bevor wir die Türe hinter uns schließen. Die Gedanken bleiben auf der Staße, die Gesichter, sofern wir sie überhaupt wahrnehmen, vermischen sich zu einem amorphen Brei der Anonymität. Mehr zur Installation “Anonymity”.
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In letzter Zeit nehmen die kritischen Beobachtungen des Kunstmarkts wie sein Einfluss auf den Diskurs der zeitgenössischen Kunst merklich zu. Das künstlerische Werk werde zur Marke, wobei der Name der Künstlerin oder des Künstlers als primäres Unterscheidungsmerkmal hervortrete. Ausstellungskuratoren würden zu Impresarios, die mit ihrem Namen und den damit verbundenen Themen bereits die Rezeptionsrichtung vorgeben. Das Kunstwerk trete dabei zwangsläufig in den Hintergrund und müsse sein verstörendes und subversives Potenzial verlieren. Eine Ausstellung, bei der keine Autoren genannt werden, stellt sich der gesellschaftlichen wie der ästhetischen Aufgabe, den Zugang zur Kunst und die individuelle Erfahrung durch Weglassen der quasi primären Kunstorgane neu zu beleben und das Werk in erster Linie nach werkimmanenten Kriterien zu beurteilen, statt es innerhalb eines bekannten künstlerischen Œuvres oder mit der Information von Künstlernamen und -vita einzuordnen. Die riesige Datenmenge, mit der das zeitgenössische Kunstsystem operiert, kann weder außer Acht gelassen noch einer wie auch immer zeitgemäßen Umwandlung in Markennamen, Tendenzen oder Trends überlassen werden. Was heute Kunst ist und wie darüber gedacht und gesprochen wird, hängt nicht zuletzt vom Umgang mit diesen Daten und davon ab, welche Gewichtung den unterschiedlichen Daten beigemessen wird. Ob eine bestimmte Kunstrichtung, ein bestimmter Künstler oder eine bestimmte Künstlerin, die Darstellung
Die Anonymität der Künstler wird in den gezeigten Werken in unterschiedlicher Weise aufgegriffen. Wer ist der Urheber eines Brunnens in der Stadt? Oder warum sind fünf gleichfarbige Autos hintereinander geparkt? Worin liegen die konspirativen Gemeinsamkeiten von Reisenden, die für kurze Zeit in ähnlich eingerichteten Hotels in ähnlich leuchtenden Städten dieser Welt übernachten? Welche unterschiedlichen Erinnerungen werden durch eine Seifenblase ausgelöst, die wie ein seltener Vogel langsam durch den Raum fliegt und schließlich spurlos verschwindet? Die Anonymität ist in der Normalität, die keiner expliziten Erwähnung bedarf, weil sie der allgemeinen Erfahrung angehört und jeder ihre Symbolträchtigkeit versteht. Die Fragen, die in den Arbeiten aufgeworfen werden, sind gleichermaßen Produkte eines Zufalls, sind ziellos und verschwinden, ohne eine Spur zu hinterlassen. Hierdurch wird die Thematik der Anonymität innerhalb der Ausstellung auf eine weitere Ebene transponiert, die wiederum mit den Erfahrungen des Betrachters spielt.
Der Betrachter wird zunehmend auf sich selber, auf die eigenen Beobachtungen zurückgeworfen und mit den Werken verbunden, an deren Realität ihre Wahrnehmung und eine sie erklärende Sprache maßgeblich mitarbeiten. Bekannte künstlerische Strategien wie Appropriation oder Concept Art rücken an den Rand der Wahrnehmung, sie gehören nur mehr in das Vokabular der Metasprache und durchdringen und verwalten längst seine künstlerischen Werke. Sämtliche Begriffe, so sehr sie unabwendbar sind, erscheinen im hellen Licht der ästhetischen Wahrnehmung als störende Prothesen, eine Art zusätzlicher Glieder, die vor dem Fall in die Begriffslosigkeit schützen. In diese Lücke stellen sich die anonymen Werke.
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