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Joseph Beuys - Ralph Ueltzhoeffer TEXTPORTRAIT
 
TEXT: JOSEPH BEUYS - Ralph Ueltzhoeffer - Textportrait - Joseph Heinrich Beuys * 12. Mai 1921 in Krefeld; † 23. Januar 1986 in Düsseldorf) war ein deutscher Aktionskünstler, Bildhauer, Zeichner, Kunsttheoretiker und Pädagoge. Beuys setzte sich in seinem umfangreichen Werk mit Fragen des Humanismus, der Sozialphilosophie und Anthroposophie auseinander. Dies führte zu seiner spezifischen Definition eines „erweiterten Kunstbegriffs“ und zur Konzeption der „Sozialen Plastik“ als Gesamtkunstwerk, in dem er Ende der 1970er Jahre ein kreatives Mitgestalten an der Gesellschaft und in der Politik forderte. Er gilt bis heute weltweit als einer der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Inhaltsverzeichnis [Verbergen] 1 Leben 1.1 Kindheit und Jugend im Dritten Reich (1921–1941) 1.2 Kriegszeit (1941–1945) 1.3 Studium und Aufbruch (1945–1960) 1.4 Hochschule und Öffentlichkeit (1960–1975) 1.4.1 Der Lehrer 1.4.2 Die Entlassung 1.5 Documenta und kommerzieller Erfolg 1.6 Internationale Präsenz und Preise (1975–1986) 2 Person Beuys 3 Werk 3.1 Zeichnungen und Partituren 3.2 Fluxus und Aktionskunst 3.3 Installationen, Vitrinen und Objekte 3.4 Multiples 3.5 Erweiterung des Kunstbegriffs zur Sozialen Plastik 4 Rezeption im Kunstbetrieb 4.1 Kunstkritik 4.2 Kunstmarkt 5 Politische Aktivitäten 5.1 Deutsche Studentenpartei (DSP) 5.2 Organisation für Direkte Demokratie durch Volksabstimmung 5.3 Free International University (FIU) 5.4 Die Grünen 6 Auszeichnungen und Ehrungen 7 Ausstellungen und Retrospektiven 8 Sammlungen 9 Werkverzeichnis 10 Literatur 11 Weblinks 11.1 Museen 11.2 Bilder, Video- und Audio-Aufnahmen 12 Anmerkungen und Einzelnachweise Leben [Bearbeiten] Kindheit und Jugend im Dritten Reich (1921–1941) [Bearbeiten] Joseph Beuys wurde als Sohn des Kaufmanns Josef Jakob Beuys (1888–1958) und dessen Frau Johanna Maria Margarete Beuys (geb. Hülsermann, 1889–1974) geboren. Der Vater, der einer Müller- und Mehlhändlerfamilie aus Geldern entstammte, war 1910 von Geldern nach Krefeld gezogen. Im Herbst 1921 siedelte die Familie nach Kleve über und wohnte dort. Von 1927 bis 1932 besuchte Joseph Beuys die Katholische Volksschule, anschließend das „Staatliche Gymnasium Cleve“, heute Freiherr-vom-Stein-Gymnasium. Er lernte Klavier- und Cellospielen; in der Schule zeigte er im Zeichenunterricht Talent. Außerhalb der Schulzeit besuchte er mehrmals das Atelier des in Kleve ansässigen flämischen Malers und Bildhauers Achilles Moortgat. Die Interessen des Schülers, geweckt durch einen Lehrer, galten der nordischen Geschichte und Mythologie. Während der in Kleve von den Nationalsozialisten organisierten Bücherverbrennung am 19. Mai 1933 im Hof des Gymnasiums hatte er, im Alter von zwölf Jahren, heimlich einen Katalog mit Reproduktionen von Wilhelm Lehmbruck und das Buch Systema Naturae von Carl von Linné an sich genommen. Spätestens 1936 ist die Mitgliedschaft des 15-jährigen Beuys in der Hitler-Jugend belegt, als er im HJ-Bann 238/Altkreis Kleve am reichsweiten großen Sternmarsch zum Reichsparteitag nach Nürnberg teilnahm. Von 1938 bis 1941 spielte er am Gymnasium Cello im so genannten Bannorchester der HJ. Um 1939 schloss Beuys sich einem Zirkus an, um für fast ein Jahr als Plakatausträger und Tierpfleger mitzuwirken. Ostern 1941 verließ er das Gymnasium mit dem Abitur. Kriegszeit (1941–1945) [Bearbeiten] Reichsuniversität Posen (um 1941)Nach seinem Abschluss am Staatlichen Gymnasium 1941 meldete sich Beuys freiwillig zur Luftwaffe. Ab dem 1. Mai 1941 wurde er in Posen vom späteren Tier- und Dokumentarfilmer Heinz Sielmann zum Bordfunker ausgebildet. Sielmann förderte das Interesse seines Rekruten an der Botanik und Zoologie; Beuys besuchte sieben Monate lang als Gasthörer Vorlesungen in diesen Fächern und der Geographie an der Reichsuniversität Posen.[1] Nach seinem Ausbildungsabschluss als Bordfunker wurde er auf der Krim stationiert und nahm im Juni 1942 am Luftkampf um die Festungsstadt Sewastopol teil. Ab Mai 1943, Beuys war inzwischen Unteroffizier, wurde er in Königgrätz im damaligen Reichsprotektorat Böhmen und Mähren als Bordschütze in einem Sturzkampfflugzeug (Stuka) vom Typ Ju 87 eingesetzt. Nach der Verlegung zum Luftwaffenstab Kroatien im Sommer 1943 war er bis ungefähr 1944 an der östlichen Adria stationiert. Von dort flog er zeitweise zu Waffentests die Luftwaffenbasis in Foggia an.[2] Zahlreiche Skizzen und Zeichnungen aus Kriegstagen sind hier entstanden. Am 4. März 1944 begann die Rote Armee an der Ostfront ihre Frühjahrsoffensive und erzwang den Rückzug der deutschen Verbände aus der Ukraine. Bei einem Schneesturm am 16. März 1944 stürzte Beuys’ Stuka 200 Meter östlich von Freifeld, heute Snamenka, über der Krim ab; der Pilot Hans Laurinck starb. Joseph Beuys wurde bei diesem Unglück schwer verletzt; er erlitt einen Schädelbasisbruch, mehrere Knochenbrüche sowie ein Absturztrauma. Die Granatsplitter in seinem Körper konnten nie vollständig entfernt werden. Krimtataren entdeckten das abgestürzte Flugzeug und benachrichtigten ein deutsches Suchkommando. Im August 1944 wurde er trotz seiner Verletzungen an die Westfront einberufen, wo er als Fallschirmjäger eingesetzt wurde. Er erreichte dabei den Dienstgrad eines Feldwebels. 1944 wurde er mit dem „Abzeichen für Fliegerschützen“, mit dem „Eisernen Kreuz 2. Klasse“ und mit dem „Eisernen Kreuz 1. Klasse“ ausgezeichnet. Aufgrund von fünf Verwundungen erhielt er zudem das goldene Verwundetenabzeichen. Studium und Aufbruch (1945–1960) [Bearbeiten] Einen Tag nach der Kapitulation der Deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945 wurde Joseph Beuys in Cuxhaven gefangen genommen und in ein britisches Internierungslager überführt, das er am 5. August 1945 verlassen durfte. Körperlich schwer angeschlagen, kehrte er zu seinen Eltern zurück, die mittlerweile in Kleve-Neurindern wohnten. 1945 schloss er sich der Künstlergruppe des in Kleve ansässigen Malers Hanns Lamers an. 1946, im Alter von 25 Jahren, wurde er Mitglied des von Lamers und Walter Brüx neu ins Leben gerufenen „Klever Künstlerbundes“ (vormals „Profil“).[3] Von 1948 bis 1950 beteiligte sich Beuys dreimal mit Zeichnungen und Aquarellen an den Gruppenausstellungen des Verbandes, die im ehemaligen Atelierhaus von Barend Cornelis Koekkoek, heute Haus Koekkoek, stattfanden. Zum Sommersemester 1946 immatrikulierte sich Beuys an der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf. Er begann das Studium der Monumentalbildhauerei am 1. April 1946. Während des ersten Semesters bei Joseph Enseling, bei dem er drei Semester studierte, lernte er Erwin Heerich kennen. Ab dem Wintersemester 1947/1948 wechselte Joseph Beuys, von Heerich veranlasst, in die Klasse von Ewald Mataré.[4] Von 1947 bis 1949 arbeitete er an zoologischen Filmen von Heinz Sielmann und Georg Schimanski über den Lebensrhythmus des Wildes im Birkenwald der Lüneburger Heide, über nördliche Wildschwäne, Gänse und Enten im Schwemmland der Ems und über das Leben des weißen Storches im schleswig-holsteinischen Bergenhusen mit. Ewald Mataré ernannte Joseph Beuys 1951 zu seinem Meisterschüler. Gemeinsam mit Erwin Heerich bezog Beuys bis 1954 sein Meisterschüleratelier unter dem Dach der Kunstakademie. Er arbeitete an Aufträgen seines Lehrers Mataré mit, so zum Beispiel an den Türen für das Südportal des Kölner Doms, der sogenannten „Pfingsttür“, wo er das Mosaik setzte, und an dem Westfenster des Aachener Doms. Ein zentrales Thema in der Klasse Matarés war die Diskussion über Rudolf Steiner. So sollen sich, so die Erinnerung eines Kommilitonen, sieben von anfangs neun Studenten für die Anthroposophie Steiners begeistert haben. Mataré selbst orientierte sich an den alten Bauhüttenidealen und hielt von Steiners Lehre nichts.[5] Der Student Beuys hatte laut Günter Grass, der parallel zu Beuys bei Otto Pankok studierte, eine dominierende Stellung in der Klasse Matarés, in der es unter Beuys’ Einfluss „christlich bis anthroposophisch zuging.“[6] Die Stimmung unter den Studenten der Akademie beschrieb Grass sechzig Jahre später so: „Überall schienen Genies im Kommen zu sein […]“; diese „Genies“ waren für Grass meist Epigonen.[7] Noch während seiner Zeit als Meisterschüler fand 1953 die erste Einzelausstellung von Beuys im Haus der Brüder Hans und Franz Joseph van der Grinten in Kranenburg (Niederrhein) und eine Ausstellung im Von der Heydt-Museum in Wuppertal statt. Er beendete das Studium nach dem Wintersemester 1952/1953 am 31. März im Alter von 32 Jahren. 1954 bezog Beuys ein eigenes Atelier in Düsseldorf-Heerdt, das er bis Ende 1958 nutzen konnte. Von 1951 bis 1958 lebte der Künstler von diversen, eher handwerklichen Aufträgen. 1951 fertigte er einen heute auf dem Friedhof in Meerbusch-Büderich stehenden Grabstein für Dr. Fritz Niehaus, dem Vater von Ruth Niehaus an. Des weiteren entwarf er Möbel, von denen er einige verkaufte. Zwei Tische, betitelt Chest (1953) (Ebenholz) und Tête (1953–1954) (Birnbaum, Ebenholz), sowie ein Regal von 1953 mit dem Titel Royal Pidge-Pine befinden sich in einer Privatsammlung in Athen; ein weiterer Tisch, Monk (1953) (Birnbaum, Ebenholz) befindet sich mittlerweile im Block Beuys, Darmstadt. Ab 1956 arbeitete der Künstler an dem Entwurf für ein „Auschwitz-Denkmal“, um sich im darauf folgenden Jahr an einem internationalen Wettbewerb für ein Denkmal im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau zu beteiligen. Der Entwurf wurde abgelehnt. Beuys zog sich zunehmend zurück; er litt unter Depressionen. 1957 hielt er sich für einige Monate auf dem Bauernhof der Familie van der Grinten in Kranenburg auf. Neben der Feldarbeit, die von April bis August dauerte, zeichnete er und entwarf Konzepte für Plastiken. Mit den Brüdern van der Grinten führte er intensive Gespräche über Konrad Lorenz, den er 1954/1955 durch Sielmann in der westfälischen Wasserburg der Familie von Romberg in Buldern kennengelernt hatte; zu dieser Zeit war Lorenz als Leiter der Forschungsstelle des Max-Planck-Institutes für Verhaltensphysiologie im Bereich Meeresbiologie auf der Wasserburg tätig gewesen. Ferner wurden Gespräche über seine gemeinsame Filmarbeit mit Heinz Sielmann, über Werke von Rudolf Pannwitz und Joséphin Péladan und Kunst geführt. Joseph Beuys: Tor, „Alter Kirchturm“ in Büderich (1959)Im Jahre 1958 bezog Beuys eigene Atelierräume im alten Klever Kurhaus am Tiergarten. Sein Vater lag in dieser Zeit im dortigen Krankenhaus und verstarb am 15. Mai 1958. In Kleve entstand das monumentale Eichenkreuz und das Tor für das „Ehrenmal der Gefallenen des Zweiten Weltkriegs“ im „Alten Kirchturm“ in Meerbusch-Büderich.[8] Es ist der größte öffentliche Auftrag, den Joseph Beuys damals, gegen die Einwände Ewald Matarés, ausführte. Am 16. Mai 1959 wurde das „Büdericher Ehrenmal“ übergeben. Im selben Jahr begann Beuys in vier, jeweils dreihundert Seiten starke, geheftete Geschäftsbücher zu zeichnen (bis 1965). 1958 setzte er erstmals die für die Kunst ungewöhnlichen Materialien Fett und Filz ein.[9] Parallel zu seiner künstlerischen Arbeit betrieb Beuys weiterhin naturwissenschaftliche, insbesondere zoologische Studien. Im September 1959 heiratete er Eva-Maria Wurmbach, die er ein Jahr zuvor kennen gelernt hatte. Die Tochter des Zoologen Hermann Wurmbach und dessen Frau Maria Wurmbach (geb. Küchenhoff) studierte an der Düsseldorfer Kunstakademie Kunsterziehung.[10] Aus der Ehe gingen die beiden Kinder Wenzel, geboren am 22. Dezember 1961, und Jessyka, geboren am 10. November 1964, hervor. Hochschule und Öffentlichkeit (1960–1975) [Bearbeiten] Im März 1961 zog Joseph Beuys von Kleve nach Düsseldorf-Oberkassel, wo er bis zu seinem Tod lebte und ein ihm von Gotthard Graubner vermitteltes Atelier im Haus von Georg Pehle, Sohn des Bildhauers Albert Pehle und Neffen von Walter Ophey, am Oberkassler Drakeplatz unterhielt.[11] Im selben Jahr wurde er mit einstimmigem Beschluss des Akademiekollegiums als Nachfolger von Sepp Mages auf den „Lehrstuhl für monumentale Bildhauerei der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf“ berufen, den er am 1. November 1961 antrat. Beuys galt als zuverlässiger, eher strenger Lehrer, der bald mit Aufsehen erregenden Aktionen von sich reden machte, die mit der klassischen Bildhauerei nichts mehr zu tun hatten. So inszenierte er im Februar 1963 in der Aula der Akademie das auf zwei Fluxusabende angesetzte „FESTUM FLUXORUM FLUXUS – Musik und Antimusik – Das instrumentale Theater“, an denen er seine ersten Aktionen durchführte. Der Lehrer [Bearbeiten] Kunstakademie Düsseldorf Joseph Beuys im Foyer der Kunstakademie während eines Ringgesprächs mit Studenten 1969. Hinten links stehend H.-J. Kuhna.Joseph Beuys hatte sich innerlich bereits seit längerem von der gängigen künstlerischen Interpretation dieses Lehrbereiches verabschiedet. Das Ehrenmal von Büderich aus dem Jahr 1959 war der Abschluss seiner konventionellen bildhauerischen Phase. Hinter seinem in den Folgejahren sich immer stärker abzeichnenden erweiterten Kunsthandeln stand die Suche nach einem umfassenden Kunstbegriff für alle Menschen. Mit seiner Entwicklung eines sozialen „erweiterten Kunstbegriffs“ unternahm Beuys den Versuch, an der Struktur der gängigen Bildungs-, Rechts- und Wirtschaftsbegriffe verändernd anzusetzen. Beuys betreute in den Jahren bis 1975 nicht nur ungewöhnlich viele Studenten, er schaffte es zugleich, eine große Zahl von sehr unterschiedlichen Künstlerpersönlichkeiten erfolgreich auf die eigene Praxis vorzubereiten. Zu diesen zählen nicht nur die „Grenzgänger“ zwischen Performance und Installation, wie beispielsweise Felix Droese und Katharina Sieverding, sondern mit Jörg Immendorff oder Blinky Palermo auch eine Reihe profilierter Maler.[12] Joseph Beuys war beinahe täglich präsent in der Akademie, selbst samstags und in den Semesterferien. Ab 1966 veranstaltete er regelmäßig sogenannte Ringgespräche mit seinen Studenten, initiiert von Anatol Herzfeld, in denen in einem vierzehntägigen Rhythmus Theorien entworfen und diskutiert wurden; diese Gespräche waren öffentlich und fanden bis zu Beuys’ fristloser Kündigung (s.u.) durch seinen Arbeitgeber, das Wissenschaftsministerium, 1972 statt.[13] Die Hinwendung zur Theorie war anfangs unter den Studenten der ersten Generation durchaus umstritten. An den Ausstellungen der Studenten, den jährlichen Rundgängen zum Ende des Wintersemesters im Februar, nahm er teil. Beuys war zudem der Meinung, dass jeder, der den Wunsch hat, Kunst zu studieren, nicht durch Zulassungsverfahren, wie zum Beispiel ein Mappenverfahren (der Bewerber musste einen Nachweis seines Talents in Form von Arbeiten vorlegen) oder einen Numerus clausus daran gehindert werden sollte. Seinen Kollegen teilte er mit, dass er alle von anderen Lehrern abgelehnten Bewerber um einen Studienplatz in seine Klasse aufnehmen werde. Mitte Juli 1971 wurden 142 von 232 Bewerbern für ein Lehramtsstudium im normalen Zulassungsverfahren abgelehnt. Am 5. August 1971 verlas Beuys vor der Presse einen öffentlichen Brief, den er am 2. August an den Akademiedirektor geschickt hatte. Alle 142 abgewiesenen Studenten waren von Beuys in seine Klasse aufgenommen worden; er hatte im folgenden Semester etwa 400 Studenten. Am 6. August erläuterte das Wissenschaftsministerium der Presse, dass es diese Zulassung der Studiumsbewerber nicht genehmige und den Bewerbern ein Studium an einer anderen Akademie anbiete.[14] Am 15. Oktober 1971 besetzte Beuys mit siebzehn Studenten seiner Gruppe das Sekretariat der Akademie. In einem Gespräch mit dem Wissenschaftsminister Johannes Rau erreichte er, dass die Kunstakademie diese Bewerber mit der Empfehlung des Wissenschaftsministeriums aufnahm. Mit Datum vom 21. Oktober teilte das Wissenschaftsministerium Beuys schriftlich mit, dass solche Situationen nicht mehr geduldet würden, doch Beuys nahm diese Warnung nicht ernst.[14] Die Entlassung [Bearbeiten] Ende Januar 1972 fand an der Kunstakademie eine Konferenz über ein neues Zulassungsverfahren statt, an der Beuys selbst teilnahm. Die Größe einer Klasse war begrenzt auf 30 Studenten. Im Sommer wurden 227 Studienbewerber aufgenommen, 125 abgewiesen. 1052 Studenten waren an der Düsseldorfer Kunstakademie immatrikuliert, davon 268 in der Klasse Beuys'. Als Beuys mit abgewiesenen Studenten 1972 erneut das Sekretariat der Kunstakademie Düsseldorf besetzte, entließ ihn Minister Rau fristlos.[15] Von Polizisten begleitet musste Beuys zusammen mit seinen Studenten die Akademie verlassen. Johannes Rau gab am 11. Oktober 1972 eine Pressekonferenz zum Fall Beuys und nannte die Entlassung „das letzte Glied in einer Kette ständiger Konfrontationen.“ In den nachfolgenden Tagen reagierten die Studenten der Akademie mit Hungerstreiks, einem dreitägigen Vorlesungsboykott, Unterschriftenaktionen, Transparenten („1000 Raus ersetzen noch keinen Beuys“) und Informationswänden über die Ereignisse. Zahlreiche Protestbriefe und Telegramme aus aller Welt erreichten das Wissenschaftsministerium. Die Resonanz in Rundfunk, Fernsehen und Presse war groß. In einem offenen Brief forderten Künstlerkollegen, unter ihnen die Schriftsteller Heinrich Böll, Peter Handke, Uwe Johnson, Martin Walser, sowie die Künstler Jim Dine, David Hockney, Gerhard Richter und Günther Uecker, die Wiedereinsetzung eines der bedeutendsten Künstlers der deutschen Nachkriegszeit. Am 20. Oktober 1973, etwa ein Jahr nach seiner Entlassung, überquerte Beuys in einem von seinem Meisterschüler Anatol gebauten Einbaum den Rhein vom Ufer des Stadtteils Oberkassel zum gegenüberliegenden Ufer, wo sich die Kunstakademie befindet. Diese „Heimholung des Joseph Beuys“ als spektakulärer symbolischer Akt erregte großes öffentliches Interesse. 1974 erhielt Beuys eine Gastprofessur im Wintersemester an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg.[14] Beuys leitete mit einer Klage gegen das Land Nordrhein-Westfalen einen jahrelangen Rechtsstreit ein. Im Jahre 1980 kam es vor dem Bundesarbeitsgericht in Kassel zu einem Vergleich: Beuys durfte bis zur Erreichung des 65. Lebensjahres sein Atelier im „Raum 3“ in der Akademie behalten und den Professorentitel weiter führen, dafür akzeptierte er die Auflösung des Arbeitsverhältnisses.[16] Am 1. November 1980 eröffnete Beuys in seinem Atelier „Raum 3“ die Geschäftsstelle der Free International University (FIU). Das nur schwer abzubildende Werk des Künstlers wurde ersetzt durch das Bild des Mannes mit dem Filzhut. Die polarisierende Wirkung der Arbeiten übertrug sich auf die Wahrnehmung der Person. Die Kritiker sprachen despektierlich von einem Scharlatan oder Schamanen, begeisterte Anhänger hielten ihn für einen Leonardo da Vinci der Gegenwart. Die Fülle der Aussagen, die Beuys der Öffentlichkeit übermittelte, gaben ebenso hinreichend Anlass für Zuschreibungen seiner Person. Für seine Reflexionen zum Beispiel über ein zentrales Motiv der Kunst, den Tod, nannte man ihn einen Schmerzensmann der Kunst.[26] Werk [Bearbeiten] Das umfangreiche Werk von Joseph Beuys umfasst im Wesentlichen vier Bereiche: Materielle Arbeiten im traditionellen künstlerischen Sinne (Malerei und Zeichnungen, Objekte und Installationen), die Aktionen, die Kunsttheorie mit Lehrtätigkeit, sowie seine sozial-politischen Aktivitäten. Zeichnungen und Partituren [Bearbeiten] Zeichnungen und Partituren (externe Weblinks) Schädel (1954) unbetitelt (1958) Minneapolis Fragmente (1974/77) Kapital Planete (undatiert) Das zeichnerische Werk beinhaltet eine eigene Bildsprache und führte von der frühen Naturstudie bis hin zu den späten handschriftlichen Tafeldiagrammen, die er in seine Aktionen, Installationen und Diskussionsrunden miteinbezog. In den frühen Zeichnungen der 1940er und 1950er Jahre verwendete Beuys zumeist Mischtechniken aus Aquarell und Bleistift. Darunter finden sich mit zartem Strich skizzierte Frauenakte und Tierstudien von zumeist hasen- oder hirschähnlichen Wesen. In späteren Arbeiten setzte er sich inhaltlich mit Phänomenen der Erkenntnistheorie und der energetischen oder morphologischen Transformation auseinander, denen Entwürfe neuer sozialer Strukturen folgten. Seine zeichnerischen Arbeiten hatten anfangs meist einen filigranen Duktus, manchmal glichen die Zeichnungen vereinfachten Studien. Er fertigte sie gern auf alltäglichen vorgefundenen Materialien an. Die nach 1964 entstandenen Arbeiten auf Papier verstand Beuys als so genannte „Partituren“. Sie standen in engem Zusammenhang mit den in den 1960er und frühen 1970er Jahren durchgeführten Aktionen, besaßen einen eher funktionalen Charakter und sind „im Sinne bildkünstlerischer Praxis als Vorarbeiten zum eigentlichen Werk zu verstehen.“[27] Die bei seinen zahlreichen Vorträgen entstandenen Kreidezeichnungen auf Schultafeln hatten gleichfalls den Charakter der Partitur. Fluxus und Aktionskunst [Bearbeiten] Fluxus und Aktionskunst (externe Weblinks) Eurasienstab, Fluxorum organum opus 39 (1968) Titus Andronicus / Iphigenie (1969) I like America and America likes me (1974) Fluxus, Aktionskunst und Happening waren vorrangig Kunsterscheinungen der ausgehenden 1950er Jahre, die in den 1960er Jahren ihren Höhepunkt erreichten. Im Fluxus wirkten erstmals europäische und amerikanische Künstler in einer gemeinsamen Bewegung zusammen. Die ersten Fluxusaktionen von Beuys, beginnend mit dem Jahr 1962, nachdem er auf Nam June Paik und George Maciunas traf, fanden zunächst wenig Beachtung in der breiten Öffentlichkeit, dennoch schaffte es der Künstler, mit seinen kontrovers diskutierten Aktionen und Installationen in kurzer Zeit internationales Ansehen zu erlangen, und rangierte alsbald an erster Stelle der deutschen Kunstszene. Im Unterschied zum Happening bezog Beuys sein Publikum nicht direkt ein, verstand es jedoch, Publikumsreaktionen in seine Performances einzubinden: Bei einer Aktion auf dem „Festival der neuen Kunst“ in Aachen am 20. Juli 1964 wurde ihm von einem aufgebrachten Studenten die Nase blutig geschlagen; obwohl ihm hierbei das Blut herunterfloss, bezog er den tätlichen Angriff spontan in die Aktion mit ein und ergriff ein Kruzifix, um es „dem empörten Publikum demonstrativ vor die Nase zu halten.“ Ein Foto dieser Aktion kursierte bald in der deutschen Presse.[28] Während der 24-Stunden-Aktion „und in uns … unter uns … landunter“ im Juni 1965 in der Wuppertaler Galerie Parnass brachte er durch die Verwendung der ursprünglich der Arte Povera zugehörigen Materialien Honig, Fett, Filz und Kupfer ein symbolträchtiges „Dingvokabular“ künstlerisch zur Anschauung, das er in dieser Aktion mit den Bedeutungen Energiespeicherung, Spannung und Kreativität belegte. Weitere Aktionen mit Titeln wie „wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“ (1965), „EURASIA“ (1966), „Manresa“ (1966) und „Titus Andronicus / Iphigenie“ (1969) folgten. In der Aktion „I like America and America likes Me“ im Jahr 1974, verbrachte er drei Tage mit einem von nordamerikanischen Ureinwohnern als heilig verehrten Kojoten in den Räumen der New Yorker Galerie von René Block. Insbesondere die Aktion mit dem Kojoten, in zahlreichen Fotografien dokumentiert, trug viel zum Beuysschen Nimbus des „Schamanen“ bei, da der Künstler darin das medienwirksame Bild eines „Heiligen Mannes“ bot, der eine rätselhaft-animistische Liturgie ausübt. Insofern hatte Beuys’ Kunst auch eine Bedeutung für die seelischen Bereiche, die empfänglich für Mythen, Magie, Riten und schamanistischen Zauber sind.[29] Beuys lehnte die Interpretation seiner Werke ebenso wie auch die Selbstinterpretation als „unkünstlerisch“ ab. „Wenn auch das Kunstwerk das größte Rätsel ist, der Mensch ist die Lösung“ sagte er und beließ es dabei. Seine Aktionen plante der Künstler stets akribisch: er machte im Vorfeld zahlreiche Partituren und notierte seine Ideen; dabei überließ er, trotz aller Spontaneität, nichts dem Zufall, was in dem Filmdokument „EURASIENSTAB“ (Antwerpen 1968) deutlich wird: der Zuschauer sieht Beuys oft auf seine Armbanduhr schauen, um seine Handlungen genau mit der Orgelmusik des mitwirkenden Komponisten Henning Christiansen abzustimmen. Im Jahre 1969 wurde Joseph Beuys vom Komponisten und Regisseur Mauricio Kagel eingeladen, um sich an seinem Film Ludwig van zum 200. Geburtstag Ludwig van Beethovens zu beteiligen. Beuys trug mit einer Aktion die Sequenz Beethovens Küche bei. Installationen, Vitrinen und Objekte [Bearbeiten] Installationen, Vitrinen und Objekte (externe Weblinks) Grauballemann (1952) Kreuzigung (1961–63) Rostecke (1963) Vitrine Nr 21 (Warmer Spazierstock mit braunem Hut) (1969–75) Sled (1969) Three Pots for the Poorhouse (1974) The Pack (das Rudel) (1976) Terremoto (1981) Das Ende des 20. Jahrhunderts (1982–83) Ohne Titel (Vitrine) (1983) F.I.U.: The Defense of Nature (1983–85) Etliche Objekte der Beuys’schen Installationen, so auch diverse Objekte und Relikte in einer Gruppe gleichartiger Vitrinen[32], sind Überbleibsel früherer Aktionen. Er verstand seine Installationskunst als eine Transformation der Idee – als einen Gedanken, der als „Energieträger“ plastisch dargestellt wird und den Betrachter herausfordernd oder provozierend zum Nachdenken anregen sollte. „Meine Objekte müssen als Anregungen zur Umsetzung der Idee des Plastischen verstanden werden. Sie wollen Gedanken darüber provozieren, was Plastik sein kann und wie das Konzept der Plastik sein kann und wie das Konzept der Plastik auf die unsichtbaren Substanzen ausgedehnt und von jedem verwendet werden kann.“[33] Den größten Teil seiner Plastiken und Objekte hatte der Künstler bereits Jahre zuvor in seinen umfangreichen Zeichnungen und Partituren angelegt, um sie später zu realisieren. Ähnliches gilt für sein malerisches Werk, welches allerdings geringeren Umfangs ist. Joseph-Beuys-Briefmarke (1993): Lagerplatz (1962–1966), Städtisches Museum Abteiberg, MönchengladbachIn diesem Werkkomplex experimentierte Beuys zudem mit der Polarität; in den so genannten „Gegenbildern“, symbolisiert durch Materialien, wie beispielsweise Kupferplatten oder Batterien, veranschaulichte er Energien, die zugleich wieder, in Filz oder Fett gehüllt, isoliert wurden. Ein Beispiel dafür ist die Arbeit „Fond II“ (1961–1967) im Block Beuys in Darmstadt. Zur Biennale in Venedig 1980 realisierte Beuys die erste Idee einer Installation mit dem Titel „Das Kapital Raum 1970–1977“, die 1984 in den Hallen für neue Kunst in Schaffhausen, einer ehemaligen Textilfabrik, als zweistöckige Raum-Skulptur eine dauerhafte Aufstellung fand.[34] In mehreren Werken finden sich Quecksilberthermometer, unter anderem auf Konzertflügeln platziert, um einen Zusammenhang zwischen akustischem Tempus und der Temperatur zu assoziieren, so in seinem Spätwerk „Plight“ (deutsch: „Notlage“) von 1985, das er bereits 1958 konzipiert hatte. „Plight“ bestand aus zwei klaustrophobisch arrangierten Räumen, die von Beuys vollkommen mit Filzrollen ausgekleidet worden waren, (quasi schallgedämmt), und in denen nur ein Konzertflügel aufgestellt war, auf diesem eine Schultafel und ein Fieberthermometer – eine Anspielung auf das „wohltemperierte Klavier“ von Bach.[35] Die Arbeit „Palazzo Regale“ wurde Beuys’ letzte Installation, die er 1985 im Museo di Capodimonte in Neapel aufbaute. In der ehemaligen Residenz der Bourbonen stellte Beuys zwei Messingvitrinen auf, die an den Wänden von sieben rechteckigen Messingtafeln begleitet wurden. Der Titel spielt an auf den Palazzo Reale, den ehemaligen Palast der Vizekönige im Zentrum Neapels. Multiples [Bearbeiten] Multiples (externe Weblinks) Evervess II 1 (1968) I a gebratene Fischgräte (Hering) (1970) Ich kenne kein Weekend (1972) Telephon E–––S (1974) Vino F.I.U. (1983) Joseph Beuys sah in seinen Multiples, seinen als Auflage hergestellte Kunstobjekten, potenzielle Träger und Vehikel zur Verbreitung seiner Ideen. Durch die serielle Ausfertigung des jeweiligen Objekts und dessen Vertrieb beabsichtigte er, einen größeren Kreis von Menschen zu erreichen.[36] Multiples aus selbst gestalteten oder vorgefundenen Objekten entstanden bei Beuys aufgrund sehr unterschiedlicher Arbeitsmethoden als „Ergebnis überlegter Formfindung im Atelier, als Relikte von Aktionen, Produkte von Prozessen oder spontan aus einem konkreten Anlaß heraus“.[36] So gingen bei Beuys vor 1965 Holzschnitte und Radierungen, ab 1965 die Druckgrafik und ab 1980 Wahlplakate für Die Grünen in die gezielte Produktion seiner Editionen ein. Ferner fanden Fotografien seiner Aktionen in seinen Multiples Verwendung, er übermalte sie oder ordnete die Bilder, oft mit Kreuzen oder anderen Übermalungen versehen, in Kästen an, was teilweise mit den aneinander genähten Polaroids und Automatenfotos in Andy Warhols Multiples zu vergleichen ist, wobei Beuys den dokumentarischen Wert betonte, während bei Warhol die Idee der Serie im Vordergrund stand.[37] Eines der letzten Multiples von Beuys war die „Capri-Batterie“ aus dem Jahr 1985.
 

JOSEPH BEUYS

 
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RALPH UELTZHOEFFER

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